Buchrezension: Karim Montasser – Das Tierwohl-Paradox
Karim Montasser, Das Tierwohl-Paradox. Wie spielt die Tiermedizin der Massentierhaltung in die Hände?, Köln 2024 (Community Editions), 109 Seiten. 12,90€.
Allgemeine Besprechung
Das Jahr 2024 sah im September unter dem Titel „Das Tierwohl-Paradox“ die Veröffentlichung des ersten Buchs des Veterinärmediziners und Youtubers Karim Montasser. Bekanntheit erlangte Montasser primär über seinen vor nunmehr 6 Jahren gestarteten Youtube-Kanal, dem inzwischen fast 55.000 Menschen folgen. Der regelmäßigere und persönlichere Austausch erfolgt parallel auf seinem Instagram-Account, den fast 25.000 Menschen abonniert haben. Sein doch nicht ganz unbeachtlicher Erfolg führte letztlich sogar dazu, dass die ARD ihn für die Serie „Haustierprofis“ engagierte und dass Montasser inzwischen eigene Videos auf die Beine stellen kann, denen durchaus das Produktionsniveau des professionellen Fernsehens zugesprochen werden kann.
Nun wären diese Details nicht weiter von Interesse, wenn sie nicht damit in Verbindung stehen würden, dass sich Montasser als eine der einflussreicheren Stimmen des deutschen Tierschutzes etabliert hat. Seine Öffentlichkeitsarbeit hat insofern auch stetig größere Aufmerksamkeit derjenigen Kreise gefunden, die sich für ein radikal anderes Mensch-Tier-Verhältnis einsetzen. Während Montasser anfänglich doch eine auffällige Distanz zu weitreichenderen tierethischen Positionen erkennen ließ, hat der Autor des hier zu besprechenden Buches über die Jahre hinweg eine zunehmend schärfere Haltung eingenommen und sich damit der Tierrechtsszene angenähert. „Das Tierwohl-Paradox“ ist vor diesem Hintergrund durchaus als Dokument einer fortgeschrittenen Findungsphase zu lesen, das im Detail noch einen herantastenden Charakter hat.
Obgleich das mit 109 Seiten recht schlank ausgefallene Buch in seinem Untertitel lediglich die Beantwortung der Frage verspricht, wie die Tiermedizin der Massentierhaltung in die Hände spiele, stellt es sich doch der Aufgabe, einen erheblich größeren Rahmen abzustecken:
- Montasser legt den vielleicht zunächst irritierenden Sachverhalt dar, dass die Entstehung der heute so vielkritisierten Massentierhaltung auch fernab der Nachfrage-Befriedigung überaus sinnvoll war, so schrecklich die Folgen für die Tiere auch gewesen sind.
- Die verheerenden Konsequenzen für die Tiere machten in einem schwer zu begreifenden Ausmaß die Unterstützung der Veterinärmedizin nötig. Heerscharen von Tierärzten verbringen einen Großteil ihrer Arbeitszeit nicht damit, Leben zu retten, sondern ohnehin todgeweihte Tiere umfassend und lange genug am Leben zu halten, um die gewünschten tierischen Lebensmittel gewinnbringend ‚produzieren‘ zu können.
- Die Ausprägung der heutigen Veterinärmedizin ist damit jedoch noch nicht ausreichend erklärt, denn sie hat noch eine weitere zentrale Aufgabe: „Dreh- und Angelpunkt ist die Lebensmittelsicherheit.“ „Tiermedizin existiert, um Menschen zu schützen.“
- Es verwundert vor diesem Hintergrund nicht, wenn Montasser durchaus mit Bitterkeit folgende Frage stellt: „Wir sind gleichzeitig die größten Helfer in der Tierausbeutung und die größten Verfechter für Tierschutz. Wie passt das denn zusammen?“ Die wirtschaftliche und politische Bedeutung der Tierausbeutung hat der Veterinärmedizin in einem gewaltigen Umfang ihre Gestalt gegeben und zur Entstehung eines kaum noch überschaubaren Netzwerks aus Allianzen geführt, das bis tief in die Ausbildung der angehenden Tierärzte hineinreicht. Der Autor spricht in diesem Zusammenhang folgerichtig von „Filz“ und macht die Verflechtungen auf eindrückliche Art greifbar. So beginne die für die Industrie nützliche Verhärtung vieler Tierärzte letztlich schon während der Ausbildung und: „An von der Wirtschaft geförderten Instituten wird die Gesundheit von Tieren so lange erforscht, wie menschliche Interessen davon abhängen. Wir bringen Tiere durch Massentierhaltung in gesundheitliche Probleme und versuchen diese dann wirtschaftsfreundlich zu lösen.“ In tierausbeutenden Betrieben herrsche teilweise schlicht Angst, Missstände überhaupt anzusprechen.
So sehr kritische und sachkundigere Leser auch geneigt sein mögen, den Darstellungen hie und da Einseitigkeit vorzuwerfen, so sehr ist auch zuzugestehen, dass der Autor dem gesellschaftlichen Diskurs mit diesem Buch einen so interessanten wie wichtigen Blickwinkel hinzugefügt hat. Der in klarer, mitunter kumpelhaft anmutender Sprache verfasste und mit nerdigen Witzchen aufgelockerte Text liefert eine überzeugende Teilerklärung für die eklatanten Missstände der gegenwärtigen Mensch-Tier-Beziehung, die sowohl dem ‚Normalbürger‘ als auch dem Tierrechtsaktivisten vertraut sein sollte. Gerade für letzteren bietet „Das Tierwohl-Paradox“ wichtige Einordnungen und im Detail sicher neue Aspekte, welche die Aufklärungsarbeit ergänzen und in mancherlei Hinsicht auch nützliches Verständnis wecken können.
Es wird sich trefflich darüber streiten lassen, ob die ‚goldene Mitte‘ zwischen präziser Wissenschaftskommunikation und breitenwirksamerer Allgemeinverständlichkeit immer getroffen wurde, doch in Anbetracht des äußerst fairen Preises (12,90) sei das sogar zweifarbig gestaltete Buch auch all jenen noch empfohlen, die sich eigentlich schon als ‚alte Hasen‘ einstufen würden, sich also schon lange mit der landwirtschaftlichen Tierausbeutung und ihren Verstrickungen beschäftigen. Sie werden in der Gesamtschau wenig bahnbrechend Neues, aber doch nützliches, mit Quellen versehenes Material finden.
Wer kein antiquarisches Exemplar erwerben möchte, bedenke bitte, dass es wahrscheinlich nur die erste größere Auflage geben wird. Daher sollte bestellt werden, solange das Buch noch neu verfügbar ist.
Wie „Das Tierwohl-Paradox“ ungewollt einen weiteren Missstand offenlegt
Nachdem die Grundzüge des Buchs im vorherigen Abschnitt skizziert wurden, sei nochmal an die eingangs festgehaltene Einschätzung erinnert, dass es sich bei „Das Tierwohl-Paradox“ um das Dokument einer fortgeschrittenen Findungsphase handelt, in der sich die Beschäftigung mit dem tierethischen Diskurs noch etwas in den Kinderschuhen zu befinden scheint.
Montasser ist gemäß seiner Ausbildung als Naturwissenschaftler einzustufen, musste sich für das vorliegende Buch jedoch umfassend auf das Gebiet der Geisteswissenschaften begeben. Es ist daher erst einmal zu entschuldigen, wenn sich diesbezüglich Unsicherheiten durch das Buch ziehen, die jedoch umfassend zu vermeiden gewesen wären, indem wenigstens ein Geisteswissenschaftler mit sachrelevanter Expertise die Manuskript-Fertigstellung begleitet hätte.
Das Feld der Tierethik ist aufgrund der unbedingt erforderlichen Verbindung naturwissenschaftlicher und geisteswissenschaftlicher Gesichtspunkte ein ständiges Beispiel für den allgemeinen Missstand, dass die Stolperfallen der jeweils sachfremden Gebiete zu wenig bekannt sind, weswegen gegenseitige Beratung viel zu oft unterbleibt. Insbesondere die Ethik ist als Fachdisziplin derartig mit Gering- oder zumindest Unterschätzung verbunden, dass sich jeder Dahergelaufene berufen fühlt, selbstbewusst auf diesem Feld herumzutrampeln. – Nun wird man dem Verfasser des vorliegenden Buchs aufgrund seines Hintergrunds und seiner Praxiserfahrung keineswegs einen derartig harten Vorwurf machen können, doch es bleibt festzuhalten, dass auch er in diese ‚Falle‘ stolperte. Einige ausgewählte Beispiele mögen dies im Folgenden illustrieren.
- Es gehört unzweifelhaft auch zur naturwissenschaftlichen Ausbildung, den Studenten zu vermitteln, dass klare Begriffe zu den Mindestanforderungen des wissenschaftlichen Arbeitens gehören, doch es ist eher, wenn auch nicht exklusiv, die Philosophie mit ihrem starken Fokus auf die strenge Argumentationsanalyse, die schon Studenten mit der Anforderung ‚malträtiert‘, mit klaren Begriffen zu operieren. So stolpert der geschulte Leser des Buches mit einiger Verwunderung darüber, dass der Verfasser des Buchs von Deckel zu Deckel vom Tierschutz spricht, ohne diesen Schlüsselbegriff klar umrissen zu haben. Daher liest man auf S. 80 irritierenderweise folgende Zeilen: „Wenn wir für einen Moment von der Tiermedizin auf die Gesamtgesellschaft herauszoomen, stellen wir fest, dass Tierschutz zumindest hierzulande auf dem Vormarsch ist. Ganz ohne wirtschaftliche Interessen ernähren sich immer mehr Menschen vegetarisch oder vegan.“ Auch die zuvor bereits zitierte Aussage „Wir sind gleichzeitig die größten Helfer in der Tierausbeutung und die größten Verfechter für Tierschutz. Wie passt das denn zusammen?“ sollte zumindest bei einigen Irritation ausgelöst haben. Die Tierschutzposition ist klassischerweise als eine Haltung definiert, die den menschlichen Nutzungsanspruch als gegeben betrachtet oder ihn zumindest nicht weiter hinterfragt, aber fordert, dass Tiere im Rahmen ihrer Verzweckung, sei es für Nahrung, Kleidung oder was auch immer, möglichst gut behandelt werden sollen. „Wenn wir Tiere schon schlachten, sollen sie es vorher wenigstens gut gehabt haben“, lautet das Credo der klassischen Tierschutzposition, wie sie vorrangig im 19. Jahrhundert entstanden ist und bis heute dominierend ist. Der Veganismus war historisch und ist folglich keine Tierschutzposition, da er ganz grundsätzlich das Ende der landwirtschaftlichen ‚Nutztier’haltung usw. anstrebt; er ist kein Zeichen für einen Vormarsch des Tierschutzes, sondern sein ihm weitreichend feindlich gesinnter radikalerer Bruder. Und es stellt ebenso prinzipiell keinen Widerspruch dar, dass Tierärzte Verfechter des Tierschutzes und zugleich Helfer der Tierausbeutung sind, da der Tierschutz Tierausbeutung in diesem Kontext gar nicht grundsätzlich hinterfragt, sondern als gesetzten Anspruch des Menschen betrachtet. Montasser verbindet mit dem Tierschutz anscheinend etwas Anderes als seine klassische Bedeutung (siehe insbesondere S. 11-12), sodass ein geschärfter Blick für klare Begriffe hier Abhilfe geschaffen hätte.
- Ein weiterer Beleg dafür, dass die Verwendung von Begriffen teilweise nicht auf angemessene Weise erfolgt, lässt sich den Seiten 10 und 11 entnehmen, auf denen der Begriff Speziesismus erklärt werden soll. Montasser verweist hier zunächst auf Richard D. Ryder, der den Begriff ‚erfunden‘ hatte. Dieser, so der Autor, „beschrieb mit diesem Begriff die Überheblichkeit von uns Menschen gegenüber anderen Spezies“. Nun wird man diese Zusammenfassung auf der Basis des originalen Flyers (1970) als freie Wiedergabe für angemessen halten können, auch wenn auffällt, dass der ‚eigentliche‘ Witz des Begriffs unangesprochen blieb: Ryder betrachtete den Begriff Speziesismus als analoges Problem zu den Phänomenen Rassismus, Sexismus und Klassismus. – Schwerer wiegt jedoch, dass Montasser direkt danach Ryders 1971 veröffentlichten Beitrag Experiments on Animals erwähnt, der als Korrektur hätte dienen müssen. Ryder stellte darin unmissverständlich klar, dass es ihm nicht im eigentlichen Sinne um unsere Überheblichkeit, sondern um die ethische Irrelevanz der bloßen Spezies(zugehörigkeit) ging. Er schrieb (Übersetzung durch den Rezensenten): „Wenn wir von Geschöpfen dieses Universums entdeckt werden würden, die intelligenter als wir sind: Wären sie dazu berechtigt, mit uns zu experimentieren?“ So, wie wir heute Rassismus verdammten, so würden wir hoffentlich irgendwann auch die Schlechterbehandlung aufgrund der bloßen Spezies überwinden. Der Kern des Speziesismus ist die unberechtigte Schlechterbehandlung auf der Basis der Artzugehörigkeit, sodass auch der Mensch grundsätzlich das Opfer von Speziesismus sein kann. Die menschliche Arroganz erscheint hier argumentativ als zweitrangig, und es stellt sich die Frage, warum der Autor den so entscheidenden Hintergrund des Begriffs verschwiegen hat. Wollte er den Provokationswert reduzieren, indem er unterschlug, dass Speziesismus explizit mit Rassismus oder Sexismus verbunden wurde? – Dass der Begriff Speziesismus von Anfang an eine breitere Bedeutung hatte, wird zusätzlich auch noch dadurch verschleiert, dass folgende Behauptung aufgestellt wird: „Der Begriff Speziesismus wurde im Laufe der Jahrzehnte bearbeitet und erweitert und steht heute weniger für die Bevorzugung von Menschen gegenüber Tieren als für die Bevorzugung einiger weniger Tierarten gegenüber anderen.“ Es ließe sich sicher fragen, woher der Verfasser diese Einschätzung nimmt, dass der Begriff seinen Bedeutungsschwerpunkt derartig gewechselt hat, aber entscheidender ist, dass hier fälschlicherweise kommuniziert wird, dass es hier einen Wandel über Jahrzehnte hinweg gegeben hätte. Montasser beruft sich auf diesen Seiten explizit auf Peter Singer und das 1975 erschienene Werk Animal Liberation, obwohl dieser bereits damals schrieb (Zitat der deutschen Übersetzung der Ausgabe von 1982): „An diesem Punkt berühren die Konsequenzen des Speziesismus direkt unser Leben, und wir sind gezwungen, persönlich die Ehrlichkeit unseres Mitgefühls mit nichtmenschlichen Lebewesen unter Beweis zu stellen. […] Es ist einfach, zu Dingen Stellung zu nehmen, die uns fernliegen, doch der Speziesist wie der Rassist enthüllen ihre wahre Natur, wenn die Dinge ihnen persönlich näherrücken. Der Protest gegen Stierkämpfe in Spanien und gegen das Abschlachten von Seehundbabies in Kanada, während man fortfährt, Hühner zu essen, die ihr Leben in Käfige gepfercht verbracht haben, oder Fleisch von Kälbern, denen die Mütter, die angemessene Nahrung und die Freiheit vorenthalten wurden, sich mit ausgestreckten Beinen niederzulegen, ist genauso, wie wenn man auf die Apartheid in Südafrika schimpft und gleichzeitig von seinen Nachbarn verlangt, sie sollten ihre Häuser nicht an Farbige verkaufen.“ Dieses Element des Speziesismus war folglich bereits in den 1970ern, war also quasi ‚von Anfang an‘ vorhanden. Umso fataler ist es daher, dass Montasser den Begriff Speziesismus auch in den Worterklärungen am Ende des Bandes nochmal so definiert: „Anschauung, nach der der Mensch allen anderen Arten überlegen und daher berechtigt sei, deren Vertreter nach seinem Gutdünken zu behandeln“. Der philosophische Kern des Begriffs wurde damit verfehlt.
- Nur noch halb den begrifflichen Unsicherheiten zuzuordnen ist hingegen Montassers indirekte Gleichsetzung einer tierfreien (‚veganen‘) Ernährung mit einer „tierleidfreien Ernährung“ (81). Hier hätte zwar eine genauere Beschäftigung mit dem Veganismus Abhilfe geschaffen, doch zentraler ist das Verkennen der Realität, dass auch die Produktion pflanzlicher Lebensmittel zwangsläufig mit Tierleid verbunden ist. Ob Anbau, Ernteschutz, Ernte, Lagerschutz oder Transport: Jeder einzelne Schritt vom Acker bis zu unserem Supermarkt stresst, verletzt und tötet Tiere. „Leben lebt immer auf Unkosten andern Lebens. — Wer das nicht begreift, hat bei sich noch nicht den ersten Schritt zur Redlichkeit gemacht.“ (Friedrich Nietzsche)
- Zu den vergleichbaren Kleinigkeiten, die sich durch „Das Tierwohl-Paradox“ ziehen und die mit der Einbindung eines erfahrenen Geisteswissenschaftlers zu vermeiden gewesen wären, gehören einige unachtsam formulierte Verallgemeinerungen und schlicht unbemerkte Falschaussagen. Es seien drei Beispiele gegeben: „Auch dieses Extrem hat Nachteile, in diesem Fall für die Mutterkühe. Denn die Kälber im Mutterleib sind schon so riesig, dass sie nicht [!] auf natürliche Weise geboren werden können. Kaiserschnitte sind die Regel.“ (Wenn die Kälber nicht auf natürliche Weise geboren werden können, wäre der Kaiserschnitt nicht nur die Regel.) „Allen [!] Domestizierungen ist gemeinsam, dass sich die Ausgangstiere optisch veränderten. Das war Jahrtausende lang nicht der Zweck der Domestizierung, sondern ein Nebeneffekt […].“ (Domestizierte Wasserbüffel, Helmperlhühner sowie einige Pferde erscheinen optisch nahezu unverändert; auch einige als semi-domestizierte Tiere zu listende Tiere erscheinen ganz oder zumindest teilweise optisch unverändert: Wellensittiche und Nymphensittiche seien als bekannte Beispiele genannt, insofern ihre Farbgebung und Größe nicht durch Selektion verändert sind. Allgemein zeigen einige seit Jahrhunderten gehaltene Haustiere, dass eine optische Veränderung nicht automatisch eintritt.) „Jetzt haben wir den Begriff Speziesismus eingeordnet und uns damit Schwung für unsere Zeitreise geholt. Tiernutzung beginnt mit der Domestizierung. Es folgt der Versuch, viele tausend Jahre Kulturgeschichte auf die für unser Thema wichtigsten Punkte herunterzubrechen.“ (Die Nutzung von Tieren begann freilich viel früher. Erjagte Wildtiere wurden genutzt, um den Magen zu füllen, ihre Knochen dienten der Werkzeugproduktion usw. usf.). – Insbesondere Verallgemeinerungen, Pauschalaussagen, sind eine typische ‚Macke‘ des menschlichen Denkens, die sich nur mühsam reduzieren bzw. weitgehend abtrainieren lassen. Wo immer Wörter wie „alle“, „keine“, „nie“, „immer“, „überall“, „jede(r)“ usw. begegnen, sollte stets die Frage gestellt werden: Gibt es (relevante) Ausnahmen?
- Nicht minder schwer fällt es, bei Themen nüchtern zu bleiben, bei denen man ganz direkt selbst betroffen ist. Daher mag es menschlich zu entschuldigen sein, dass Montasser als eine Person, die selbst Erfahrungen mit Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus machen musste, in seinem Exkurs „Rechte Politik und Tierschutz“ (39-42) die nötige Sachlichkeit vermissen lässt, doch auf trockener sachlicher Ebene ist Kritik hier nicht zu vermeiden. Dies sollte auch im Interesse Montassers sein, da die folgenden Narrative teilweise immer wieder genau dafür instrumentalisiert werden, den Tierschutz (im weiteren Sinne) zu diskreditieren. Er schreibt unter anderem: (a) „Das Reichstierschutzgesetz war ein zutiefst antisemitisches Werk. Überhaupt [!] war die Tierschutzbewegung zu diesem Zeitpunkt extrem antisemitisch und generell rassistisch [!].“ (b) „Tierschutz war ein wichtiger Bestandteil eines völkischen Glaubens, der als Antwort auf die Herausforderungen der Industrialisierung herangezogen wurde. Einflüsse ‚von außen‘ wurden abgelehnt [!], und man wünschte sich Deutschland als eine Kulturlandschaft, in der Mensch, Tier und Pflanzen im Einklang leben. Die sogenannte „Lebensreform“ war eine große Bewegung, die dieses Gedankengut aufgriff [!].“ (c) „Die Ideologie der Lebensreform war hauptsächlich Realitätsflucht. Und wie immer [?], wenn ein ideologisches Traumgerüst aufgebaut wird, braucht man ein Feindbild als Fundament. Antisemitismus gehörte deshalb an die Seite des Tierschutzes [!], denn eine jüdische Weltverschwörung wurde für die negativen Folgen der Industrialisierung verantwortlich gemacht.“ (d) „Weder Göring noch Hitler waren Tierschützer [!]. Göring war passionierter Jäger, und Hitler sympathisierte nur [!] mit dem Vegetarismus, da sein Idol Richard Wagner ihn gelobt hatte.“ Der Verfasser hielt es bei keiner dieser mitunter haarsträubenden Aussagen für nötig, Quellen anzugeben, sodass hier nur eine allgemeine sachliche Einordnung und Kritik erfolgen kann. Der Reihenfolge nach: (a) Wenn behauptet werden soll, dass der Tierschutz der Zeit „extrem antisemitisch“ gewesen sei, so wäre zunächst zu klären, was dies überhaupt bedeuten soll. Da der Tierschutz hier isoliert angeprangert wird, stellt sich die Frage, ob der Tierschutz denn in dieser Zeit besonders antisemitisch, also antisemitischer als der allgemeine Zeitgeist gewesen ist. Der Rezensent möchte dies auf der Basis seiner langanhaltenden Forschung auf dem Feld der Geschichte des Tierschutzes höflich in Frage stellen, ohne zu bestreiten, dass es namhafte Tierschützer gab, die entschiedene Antisemiten waren, und dass der Nationalsozialismus (vergeblich) versuchte, den Tierschutz völlig zu vereinnahmen. Auch die völlig unhaltbare Aussage, dass die Tierschutzbewegung in dieser Zeit „generell rassistisch“ war, kann nur unter Verweis auf Personen wie Magnus Schwantje empört zurückgewiesen und der Liste der zahlreichen unzulässigen Quantifizierungen des Buchs hinzugefügt werden. (b) Wer die Tierschutzliteratur der Zeit liest, wird unweigerlich feststellen, dass sich die dazugehörigen Autoren mit Eifer auf ‚ausländische‘, ‚volksfremde‘ Literatur stürzten, sie begierig wie ein Schwamm aufsaugten, ja teils sogar extra in Übersetzungen verbreiteten. Es ist unstatthaft, die in puncto Tierschutz hochgradig bedeutsame Lebensreform-Bewegung derartig undifferenziert mit völkischem Denken zu verbinden, wie eine gründliche Lektüre der Werke dieser in Deutschland bis in die 1850er zurückgehenden Strömung schnell offenbart. Die Ideale der Lebensreformbewegung waren in vielerlei Hinsicht völlig unvereinbar mit dem völkischen Wahn der Zeit, wie zum Beispiel eine Beschäftigung mit Robert Springer und seinem Umfeld schnell zeigen kann. Springer hatte mit „Enkarpa. Culturgeschichte der Menschheit im Lichte der pythagoräischen Lehre“ sogar eine Sammlung der Tierschutzgedanken aus der ganzen Welt zusammengetragen, um zu zeigen, dass wahres Menschentum „in allen Zeiten und Ländern nur eine[s] ist“. Die in (c) fortgesetzte Auseinandersetzung mit ‚der‘ Lebensreformbewegung sollte insofern auch all diejenigen zu Widerspruch reizen, die, wie der Rezensent, dieser Bewegung aufgrund anderer geistiger Verwirrungen ablehnend gegenüberstehen. (d) Dass Adolf Hitler kein Tierschützer gewesen sei und nur (!) wegen Wagner mit dem Vegetarismus sympathisierte, steht im scharfen Widerspruch zu den biographischen Informationen, die Daniel Heintz in seiner aufwändig recherchierten Monographie „Tierschutz im Dritten Reich“ zusammengetragen hat. Aus historischen Dokumenten geht sogar hervor, dass Hitlers Interesse am Tierschutz nicht erst mit seinem Aufstieg begann, wo es vielleicht einfach nur der Inszenierung in der Öffentlichkeit hätte dienen sollen: Er las schon vorher Tierschutztexte, ließ sich privat über das Thema berichten. Auch Montassers Zusammenfassung zu Göring steht im Widerspruch zu den historischen Quellen, die Heintz im Rahmen seiner Arbeit zusammengetragen hat. Ein kurzer Blick in Görings frei verfügbare Rundfunkrede „Der Kampf gegen die Vivisektion“ vom 28. August 1933 hätte genügt, um zu einer tieferen Recherche Anlass zu geben. Es ist zu mutmaßen, dass Montassers unklarer Tierschutz-Begriff es verhindert hat, eine differenzierte Perspektive zu gewinnen, denn – so der Eindruck –: Wer Jäger ist, könne kein Tierschützer sein. Doch gerade dies ist mit dem klassischen Tierschutz problemlos zu vereinen. – Der Exkurs endet mit der folgenden Behauptung: „Der Philosoph André Gorz nannte das [rechten Natur- und Tierschutz] vor 50 Jahren schon Ökofaschismus […].“ Eine Falschdarstellung, denn Gorz ging es bei diesem Begriff nicht um Natur- und Tierschutz von rechts(außen), sondern um die Gefahr einer Politik, die sich einseitig ökologischen Zielen verschreibt und dadurch totalitär wird. Mit Forderungen in diese Richtung wurde im Klimaschutz-Kontext die letzten Jahre eher von links geflirtet, während rechte Kräfte regelmäßig bestreiten, dass es überhaupt einen menschengemachten Klimawandel gibt.
- Neben den bisher attestierten Problemen des Buchs sind noch kleinere Schwächen festzustellen, die wahrscheinlich ebenfalls durch einen ergänzenden eher geisteswissenschaftlichen Blick oder durch die Hinzuziehung einer Person mit tierethischer Expertise zu vermeiden gewesen wären. So beginnt das Buch beispielsweise mit der Aussage „Es ist kein großes Geheimnis, dass ein gutes Leben für Nutztiere unmöglich ist [?]. Dabei gibt es immer wieder Aktionen und Bestrebungen, das zu verändern, von denen die Initiative Tierwohl nur das jüngste Beispiel ist.“, um dann später (72) festzuhalten, dass es sich bei dieser Initiative um einen „Marketingtrick“ handele. Das von der Initiative entwickelte Tierwohl-Label wird dort dementsprechend auch zum „neueste[n] Kniff in der Beschönigung von Massentierhaltung“ erklärt. Da Montasser auf Youtube sogar von der Tierwohl-Lüge und von „Tierwohl-Siegel debunked“ spricht, stellt sich die Frage, wie die Initiative Tierwohl eingangs als Aktion/Bestrebung bezeichnet werden konnte, die „gutes Leben für Nutztiere“ ermöglichen wolle. Schwerer als solche eher nebensächlichen Widersprüchlichkeiten wiegt hingegen ein Abschnitt, in dem der Verfasser kurz auf Tierversuche zu sprechen kommt (96): Dort wird das sogenannte 3R-Prinzip positiv im Rahmen von Fortschritten erwähnt und mit folgenden Worten bedacht: „Die drei R beziehen sich auf die drei Pfeiler der Versuchstierkunde Replace, Reduce und Refine. […] alle drei Rs führen zu weniger Tieren in Tierversuchen.“ Es stimmt an erster Stelle schlicht nicht pauschal, dass alle drei Rs zu weniger Versuchstieren führen, da das Refine-Kriterium nur die Haltung und den Umgang mit Tieren, nicht aber die Tieranzahl betrifft. Das Refine-Kriterium kann nur dann zu einer Reduktion der Versuchstiere führen, wenn die Haltung oder der Umgang so scheußlich ist, dass eine Verbesserung die Anzahl sterbender Tiere verringert oder überhaupt erst bessere Ergebnisse ermöglicht. Wie oft mag dies der Fall sein? Entscheidender ist jedoch, dass nicht klargestellt wird, dass das 3R-Prinzip ethisch vollkommen unzureichend ist, da es keinerlei Gerechtigkeitsperspektive beinhaltet und somit nicht einmal dem Tierschutzgesetz (§ 7a) gerecht wird. Es führt in der Praxis zu einer falschen Vertretbarkeitswahrnehmung und trägt somit wiederum ungewollt (?) zu mehr Tierelend bei (vgl. Altex’ Tierethik 2015/2).
Die hier zusammengetragenen Kritikpunkte könnten schon aufgrund der schieren Länge der Ausführungen den Eindruck erwecken, dass die im ersten Abschnitt ausgesprochene Empfehlung nicht nachzuvollziehen sei, doch es ist daran zu erinnern, dass die Kritik einzelne Passagen des Buchs betrifft, ohne den zentralen Gedankengang des Buchs hinfällig zu machen. Die Analyse der sachlichen Probleme des Buchs kann jedoch darauf aufmerksam machen, wie wichtig es für das Anliegen, ein besseres Mensch-Tier-Verhältnis zu erreichen, ist, dass sich Menschen aus verschiedenen Fachbereichen gegenseitig ergänzen. Zentrale Voraussetzung dafür ist es jedoch, dass sich alle Fürsprecher des Anliegens aufrichtig darum bemühen, die eigenen Grenzen zu ermitteln und den Stellenwert der verschiedenen Fachbereiche angemessen zu würdigen.
Verstreute Bemerkungen
Die bisherigen kritischen Anmerkungen fokussierten sich primär auf Kritik aus geisteswissenschaftlicher Perspektive und streiften Naturwissenschaftliches nur am Rande. Es soll jedoch nicht verschwiegen werden, dass sich auch in dieser Hinsicht auf Fehler oder unvorsichtige Formulierungen hinweisen lässt, deren Umfang der Rezensent aufgrund seiner Fachfremde nur bedingt bewerten kann. Im Rahmen der abschließenden Bemerkungen seien daher nur zwei Beispiele an den Anfang gestellt.
- Montasser schildert im Kapitel „Speziesismus neu betrachtet“, wie der Mensch die sogenannten ‚Nutztiere‘ durch Auslese verändert hat. Erwartungsgemäß werden dabei auch Schweine behandelt. Er schreibt: „Hausschweine sind die domestizierte Form des Wildschweins, Exemplare beider Tierarten haben die meisten Menschen schon mal gesehen.“ „Bis vor wenigen hundert Jahren sahen Hausschweine und Wildschweine sehr ähnlich aus. […] Beide Arten hatten borstiges Fell, um widrigen Wetterbedingungen zu trotzen […].“ Hausschweine werden in der Regel nicht als eigene Art betrachtet, sodass zumindest zu erklären gewesen wäre, warum der Autor von dieser Standardauffassung abweicht und von verschiedenen Arten spricht, insofern es sich nicht nur um sprachliche Fauxpas handelt.
- Auf Seite 85 ist zu lesen: „In den meisten kommerziellen Schweinehaltungen wird […] nur zweimal am Tag gefüttert. Dadurch können die Tiere nicht ihrem natürlichen Instinkt folgen, es kommt zu Frust und vor allem zu Futterkonkurrenz – beides sind die Hauptgründe einer Ersatzhandlung: dem Benagen der Schwänze konkurrierender Artgenossen […].“ Obgleich der Autor im Folgeabsatz darauf hinweist, dass es weitere Ursachen gibt und es ein ganzes Ursachenbündel zu betrachten gilt, wird mit der gewählten Formulierung „die Hauptgründe“ der Eindruck erweckt, dass die niedrige Fütterungshäufigkeit der zentrale Hebel sei, um das Schwanzbeißen zu unterbinden. Diese Suggestion widerspricht zum Beispiel dem Sachverhalt, dass teils die bloße Störung des Belüftungssystems bei einer ansonsten unauffälligen Gruppe Schwanzbeißen verursachen kann (vgl. Bauernzeitung, Ursachen für Schwanzbeißen viel komplexer). Es ist ohne Wenn und Aber möglich, dass Montasser mit seiner Suggestion dem tatsächlichen Sachverhalt gerecht wird, doch wäre seine Gewichtung zu belegen gewesen. Eine Quellenangabe, die dies leisten könnte, fehlt.
- Auf Seite 80 griff der Autor auf eine in diesem Kontext wertlose Statistik des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft zurück und beging damit einen Fehler, der auch in der veganen Szene flächendeckend zu beobachten ist. Montasser wollte auf der Basis der herausgesuchten Statistik den prozentualen Anteil der Veganer in Deutschland angeben und übersah dabei, dass ebendiese aufgrund ihrer zu geringen Stichprobengröße für dieses Unterfangen vollkommen wertfrei ist. Das BMEL befragt Jahr für Jahr 1000 Menschen nach ihrem Ernährungsverhalten – und genau hier liegt das Problem: 1000 Menschen sind entschieden zu wenig, um einen so kleinen Anteil an der Bevölkerung halbwegs zuverlässig erfassen zu können. Liest man die Originalpublikationen der Erhebungen, so liest man dementsprechend auch den Hinweis, dass der Fehlerbereich bei +- 3% liegt, also erheblich höher als der Veganeranteil selbst ist. Das heißt: Wenn die Erhebung 3% Veganer erfasste, könnten es real auch 0,0X% sein. Aus diesem Grund sehen wir bei dieser wertlosen Statistik auch, dass sich die Anzahl der Veganer angeblich von einem zum nächsten Jahr verdoppelt habe, nur um sich im nächsten Jahr wieder zu halbieren. Montasser hätte auf die erheblich robusteren Allensbacher Daten zurückgreifen müssen. – Allgemein ist zu attestieren, dass bei den statistischen Angaben dieser Seite manches durcheinandergeraten ist: Fußnote 2 verweist auf die falsche Quelle; die Angabe zur Anzahl der Vegetarier für 2023 ist ebenfalls inkorrekt (8 statt 10 Prozent).
- Montasser bekennt sich in seinem Buch zu der Haltung, dass das Motivieren zu ‚baby steps‘ bzw. dass Reduktionsforderungen der taktisch richtige Weg seien. Er schreibt unter anderem: „Ich halte es für unrealistisch und nicht zielführend, zu verlangen, dass sich alle Menschen vegan ernähren. Aber ich halte es für sehr realistisch, mehr Menschen aufzuklären und sie zum Umdenken zu bewegen.“ Der Autor stellt damit letztlich eine empirische Behauptung auf, hätte seine Haltung also auch empirisch unterfüttern müssen. Ein Unterfangen, das aufgrund des katastrophalen Stands der empirischen Forschung zum Scheitern verurteilt ist. Vor dem Hintergrund, dass er mit der Kommunikation dieser Haltung auch mehr schaden als nützen könnte, bleibt festzuhalten, dass Montasser hier erheblich vorsichtiger hätte auftreten müssen und seinem wissenschaftlichen Anspruch nicht gerecht wurde. Formulierungen wie „Ich halte“ oder „Ich denke“ sind nicht imstande, das Problem zu vermeiden, da der Verfasser damit rechnen muss, von vielen Fans als Autorität gelesen zu werden – und da seine Argumente oberflächlich einleuchtend erscheinen.
Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass Montasser bereits intensiv an seinem zweiten Buch arbeitet, darf gespannt abgewartet werden, welchem Thema er sich in seinem nächsten Werk widmen wird und ob es gelingt, die kleineren, aber doch nicht raren Mängel seines ‚Erstlings‘ zu reduzieren. Zu wünschen wäre zudem eine noch etwas umfassendere Unterfütterung mit Quellen und das Beibehalten der lobenswerten Extras wie des Glossars des vorliegenden Buchs. Sollte dies der Fall sein, sollte lediglich aufgepasst werden, darin nicht wiederum erläuterungsbedürftige Worte ohne Erläuterung zu verwenden (siehe „Modalität“ bei „Verhaltensstörungen“).